Unser Pastor macht sich so seine Gedanken …

Wir schließen uns diesen Gedanken an – wir, die 30 Ehrenamtlichen der 4-Bülls

 

Sie haben es gerade so geschafft: Die Fußballer vom 1. FC Nürnberg. Das war der Lieblingsverein meines Opas. Ein Verein mit großer Tradition. Und als ich Schüler war und meist am Samstag Vormittag meine Großeltern besuchte, da wurde dann am Tisch gefachsimpelt. Fußball war oft Thema. Und manchmal zeigte mir Opa seinen Ordner mit den Zeitungsausschnitten: als der 1. FC Nürnberg Deutscher Meister wurde. 1968 war die Meisterschaft, ein Jahr nach meiner Geburt. Jetzt haben sie gerade noch den Abstieg aus der zweiten Liga vermieden. Sie kamen in die Relegation. Das entscheidende, rettende Tor haben sie in der letzten Spielminute des Rückspiels erzielt. Gegen den 1. FC Ingolstadt. Sonst hätten sie den Gang in die Drittklassigkeit antreten müssen! Ich bin kein Fan vom 1. FC Nürnberg, aber war doch erleichtert – und musste wieder an die Gespräche bei meinem Opa denken.

Nürnberg ist nicht abgestiegen, aber ausgetreten. Ganz Nürnberg. Aus der Kirche! Nein – also nicht die komplette Stadt Nürnberg mit ihren über 500.000 Einwohnern. Aber ungefähr so viele Menschen wie in Nürnberg zu Hause sind, haben im Jahr 2019 den beiden großen Kirchen den Rücken gekehrt. Eine halbe Million! Ganze 51% der Bundesbürger gehören überhaupt noch einer christlichen Konfession an. Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts waren das noch 95%. Was für ein Mitglieder- und Bedeutungsschwund innerhalb von gerade mal 70 Jahren. Deutschland ist in absehbarer Zeit erstmals seit der Zeit um Bonifatius, also erstmals seit 1200 Jahren, grob geschätzt: nicht mehr mehrheitlich christlich! Die Wiege der Reformation sagt sich vom christlichen Glauben los! Ja, nicht vom Glauben, sagen manche, sondern nur von den verfassten Großinstitutionen evangelische und katholische Kirche wenden sich die Menschen ab. Von Kirchen, die sehr fehlbar sind und Schuld auf sich geladen haben, viel Schuld im Lauf der Geschichte, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Drohpredigten, Zwangsbekehrungen, Missbrauch von Kindern, Küngeln mit Tyrannen, viel zu wenig Einsatz damals gegen die Nazidiktatur, und heute ist Kirche den einen zu politisch oder zu einseitig politisch und den anderen zu wenig deutlich im Benennen gesellschatilicher Missstände. Manche ärgern sich auch schon mal über Dinge vor Ort: den Pastor, die Gemeinde. Aber viele betonen, dass sie ja nicht aus dem Glauben austreten: „Glauben kann ich doch auch für mich“, sagen sie dann, „dazu brauche ich keine Kirche!“ Und zum Gottesdienst gehen darf man natürlich auch ohne Kirchenmitgliedschaft. Und doch ist sehr deutlich, dass nicht nur die Kirchen, sondern auch der christliche Glaube in der öffentlichen Wahrnehmung massiv an Relevanz eingebüßt hat. Vieles, was lange selbstverständlich war, gilt in unserer Gesellschaft nicht mehr ungefragt: Braucht es einen konfessionell erteilten Religionsunterricht? Dürfen Kreuze in öffentlichen Gebäuden hängen? Warum werden Gottesdienste in öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten übertragen? Warum darf an Karfreitag keine Tanzveranstaltung stattfinden? Woher nehmen Kirchen das Recht zum Gottesdienst mit ihren Glocken das ganze Dorf zu beschallen? Das sind nur einige der Fragen, die deutschlandweit zunehmend gestellt werden. Als ich anfing Theologie zu studieren, gab es noch Gespräche mit dem örtlichen Fußballverein, Fußballspiele der Jugend doch bitte nicht sonntags vormittags parallel zur Gottesdienstzeit zu veranstalten. Und der Fußballverein ließ sich darauf ein! Das waren noch Zeiten! - Die aktuellen Kirchenaustrittszahlen gehen mir noch immer sehr nahe. Nicht, dass die Zahlen völlig überraschend kamen. Bei uns vergeht ja auch kaum eine Kirchengemeinderatssitzung, in der wir nicht am Ende einen oder mehrere Kirchenaustritte zur Kenntnis nehmen müssen. Innerhalb von 10 Jahren ist die Gemeindegliederzahl nur für Emmelsbüll-Neugalmsbüll um 200 Personen weniger geworden. Das liegt natürlich auch daran, dass mehr Men- schen gestorben sind als andere getauft wurden. Und dass Evangelische weggezogen sind und die, die zuzogen, nicht mehr alle mehrheitlich der evangelischen Kirche angehörten. Aber es liegt auch an der Zahl der Kirchenaustritte, die gerade in den letzten Jahren noch einmal besonders zugenommen hat. Für mich fühlt sich jeder Kirchenaustritt immer noch wie eine schmerzhafte Niederlage an. Und immer beschleicht mich auch der Gedanke selber etwas versäumt zu haben an diesem Menschen, dass er sich von Kirche abwendet. Natürlich weiß ich, dass es viele Gründe für einen Kirchenaustritt gibt und ganz oft finanzielle Gründe sehr entscheidend sind. Aber wohl nie sind es finanzielle Gründe alleine. Es muss schon eine Entfremdung von Kirche oder auch Glauben stattgefunden haben, die dem Entschluss vorausging. Dann schauen Menschen auf ihren Gehaltszettel und fragen sich eben: Wofür geht da ein zwei- oder dreistelliger Betrag ab? Ist mir Kirche das wert? Wann geh ich da schon mal hin! Was könnte ich mit diesem Geld anderes anfangen? Brauche ich nicht das Geld gerade dringend für ganz andere Dinge? Viele der Menschen, die austreten – das ist zumindest meine Erfahrung – haben gar nicht viel gegen Kirche. Sie sagen: Kirche kann es ja ruhig geben, sie stört mich auch nicht groß, aber ich muss sie ja nicht finanziell unterstützen! – Und dann sind Menschen weg. Aber was würde unseren Dörfern fehlen ohne Kirche? Was würde unserem Leben fehlen – ohne Weihnachten, Krippenspiel, all die Lieder, die von der Ankunft des Gottessohnes erzählen? Was würde unserem Leben fehlen ohne Tauffeiern, bei denen Kindern schon zugesprochen wird: „du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, kei-ne Laune der Natur!“? Ohne Konfirmationen, bei denen junge Menschen auf einmal schon so erwachsen aussehen und für ihren eigenen Lebensweg gesegnet werden? Ohne Trauungen, bei denen zu Orgelmusik in der Kirche das Fest der Liebe gefeiert wird? Ohne die Hoffnung auf Auferstehung, für die Jesus einsteht, wenn wir an einem offenen Grab stehen? Was würde unserer Dorfgemeinschaft fehlen ohne Goldene Konfirmationsfeiern, kirchlichn Seniorennachmittage, Gebete am Sterbebett und Kinderbibelwochen? Ohne die Treffen der Kirchenchöre und ihrer Aufführungen – mal in der Kirche und mal in der Gaststätte bei der Geburtstagsfeier? Ohne die so liebenswerten Geschichten über Pastoren, die menschlich waren, schon mal gerne einen Teepunsch mittranken oder eine Trauung schlicht vergessen haben? Was würde unserem Dorfbild fehlen ohne dem Kirchturm und der Dorfkirche, deren Bau damals unter vielerlei Entbehrungen der Dorfbevölkerung finanziert wurde und der den Menschen so wichtig war: Unsere Kirche! – Der 1. FC Nürnberg konnte im letzten Moment den Gang in die Drittklassigkeit abwenden. Ob wir den Gang von Kirche in eine wachsende Bedeutungslosigkeit stoppen können? Auch wenn wir Christinnen und Christen bald nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung stellen in Deutschland, bleiben wir immer noch eine große Gemeinschaft. Und vielleicht hat die aktuelle Entwicklung auch Gutes. Die, die jetzt noch dabei sind – denen bedeutet Kirche auch etwas! Gerade der Reformation mit dem Slogan der Freiheit eines Christenmenschen war es ja auch ein Anliegen: Selbstbestimmte, mündige Christinnen und Christen, die nicht von ihrer Kirche klein gehalten werden, sondern die aus freien Stücken und gerne in ihr mitarbeiten. Dazu gehört die Freiheit auch gehen zu können! Eine Kirche, der weniger Kirchensteuermittel zur Verfügung steht, muss vielleicht wieder ganz neu sich besinnen: was wirklich wichtig ist. Und vielleicht rückt sie wieder näher an die Menschen, gerade auch an die, die selber nicht viel haben. Vielleicht wird sie wieder mehr das, was Dietrich Bon- hoeffer vorgeschwebt hat: Kirche für andere, die sich einsetzt für die, die in unse- rer Gesellschaft viel zu kurz kommen! Eine kleiner werdende Kirche begreift vielleicht sehr viel mehr die Notwendigkeit zusammenzuarbeiten mit anderen Kirchen und Konfessionen: keiner muss alles alleine schaffen, und nur gemeinsam bleiben wir eine relevante Stimme in der Gesellschaft! Eine schrumpfende Kirche besinnt sich vielleicht neu: wie wichtig jedes einzelne Mitglied ist: wir sind Kirche! Und welch kostbarer Schatz die 80.000 Ehrenamtlichen in der Nordkirche sind und wie wichtig es ist, ihnen auch mit Wert- schätzung zu begegnen! Eine Kirche in der Minderheit hat die Chance wieder mehr missionarische Kirche zu werden: Gottes Wort will verkündigt werden. Und Kirche braucht dabei euch alle: dass wieder mehr schon in den Familien Glaube gelebt, Bibel gelesen, gebetet wird. Und dass Menschen andere am Arbeitsplatz oder in der Schule oder in der Nachbarschaft einfach wieder einladen: „Kommt doch mal mit in den Gottesdienst! Der ist gar nicht so langweilig, wie ihr denkt! Und Gottes Wort ist echt stark!“ Vielleicht wacht Kirche ja doch noch auf aus ihrer Erstarrung. Und vielleicht gelingt ihr wie dem 1. FC Nürnberg: doch noch das entscheidende Tor zu erzielen, das hilft, die Klasse zu halten oder, noch besser: ganz neu durchzustarten! Lasst es uns gemeinsam angehen! Danke an Euch, die Ihr noch dabei seid! Wir alle – wir sind Kirche! Und wenn ihr dazu Gedanken, Anregungen, Hinweise, Anmerkungen habt: schreibt sie uns doch einfach! Vielleicht kann so eine anregende Diskussion entstehen, wie Kirche sich verändern muss um Menschen zu erreichen! Ich freue mich auf Eure Beiträge!

Euer Pastor Gerald

 

… und wir denken auch an die 250 kirchlichen Mitarbeiter Nordfrieslands in der professionellen Jugendarbeit, der Familienberatung, der Suchtberatung, der Diakonie und im Christian-Jensen-Colleg. Euer Dabeisein in der Kirche sichert auch diese gemeinhelfenden Tätigkeiten, die anderswo weniger angeboten werden … und das in über 300 Einrichtungen in der evangelischen Nordkirche … und wir denken auch an die 2.800 Einblicke in die auf unserer Website übertragenen Gottesdienste. Liebe Sigrid, vielen Dank für Deine Mühen bei den Übertragungen …